WAHNFRIED 23

Wahnfried 23 – eine Komödie in sechs Bildern
von Nick Kolarz & Christina Schildmann
Probenfoto: Anet Scheuer
1923. In Bayreuth braut sich etwas zusammen. Nach vielen Jahren ohne Opernglanz wollen Richard Wagners Erben den Festspielbetrieb auf dem „grünen Hügel“ wieder aufleben lassen. Im nächsten Jahr soll „Parsifal“ gegeben werden – die Oper vom „reinen Tor“, der die Bewohner der Gralsburg von ihrem Elend erlöst, indem er den Gral wieder zum Leuchten bringt.

Wieder leuchten soll auch Bayreuth – und mit seinem strahlenden Licht ganz Deutschland erhellen. Doch die Familienkasse ist leer, die Bühnenarbeiter streiken und die morschen Kulissen brechen über den Darstellern zusammen. Die alten Wagner-Mäzene König Ludwig und Kaiser Wilhelm sind Geschichte, die neue Republik kommt ohne Wagneropern und Gralsrittertum aus. Zwar schlägt in Bayreuth das Herz der deutsch-nationalen Bewegung: Der Wagnerclan ist umgeben von getreuen Verehrern und antisemitischen Glaubensbrüdern. Doch der Sekte fehlt der Führer. Kein mächtiger Politiker, kein großer Gönner hält schützend die Hand über den grünen Hügel und lässt Geld herabregnen. Und auch die Erben in der Villa Wahnfried, dem Wohnsitz der Wagners, irren rat- und führungslos durch die neue Zeit. Richard Wagner ist lange tot, seine Witwe Cosima – blind und senil – lebt ganz in glorreichen alten Zeiten. Ihr Sohn Siegfried leidet unter seiner musikalischen Mittelmäßigkeit, wähnt sich auf Schritt und Tritt von der Nase seines Vaters verfolgt und verschmäht seine junge, vitale Frau Winifred, nachdem er – Pflicht bewusst – vier Meisterenkel gezeugt hat. Siegfrieds Schwester Daniela verbringt ihre Zeit am Grab des „Meisters“ und fühlt sich als Gespenst unter Gespenstern. Bleibt noch Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, dessen philosophische Schriften einst Pflichtlektüre für Offiziere und Bettlektüre des Kaisers waren, jetzt aber ungelesen vor sich hingammeln.
Bühnenbildentwurf von Anet Scheuer
Besser gesagt: fast ungelesen. Denn ein gescheiterter Kunstmaler und erfolgreicher Münchner Lokalpolitiker liest eifrig in den Schriften seiner „Meister“ Wagner und Chamberlain – und schmiedet sich ein stählernes Weltbild daraus. Seit Hitler im zarten Alter von 17 Jahren zum ersten Mal den Rausch einer Wagneroper erlebte, hält er sich für auserwählt – wozu auch immer. Lange Zeit war er der einzige, der an seine Größe glaubte. Doch nun, nach Jahren der Demütigung und Bedeutungslosigkeit, steht er an der Schwelle zu Erfolg und Macht – und ist wild entschlossen, es allen zu zeigen. Hitler plant, am 9. November 1923, am „Jahrestag der Schmach“, die Münchner Regierung zu stürzen – und danach ganz Deutschland zu befreien. Doch vorher gilt es, letzte Selbstzweifel zu vertreiben und letzte Hürden zu nehmen. Hitler begibt sich mit seinen Parteianhängern nach Bayreuth, in der Hoffnung auf eine Einladung bei der Familie Wagner. Ein solcher Besuch bedeutet für Hitler, der „von unten, aus Armut und Unwissenheit“ kommt und im Männerwohnheim „seine letzten Brotkrumen mit Mäusen teilte“, die lange ersehnte Eintrittskarte in die besseren Kreise Deutschlands. Doch das ist längst nicht alles: In der Villa Wagner erhofft sich Hitler ein Zeichen von Chamberlain, dem Stellvertreter seines Operngottes auf Erden – die Bestätigung, dass er wirklich auserwählt ist, Deutschland zu erlösen.

AuEntwurf von Anet Scheuerf einen Erlöser wartet auch der Wagnerclan – allen voran Winifred. Sie hat das Gejammer ihrer angeheirateten Sippschaft satt, die lieber ihre Neurosen pflegt und von alten Zeiten träumt, als das Familienschicksal in die Hand zu nehmen. So ergreift Winifred die Gunst der Stunde und lädt den politisch ambitionierten Bayreuth-Touristen Hitler zum Artischockenessen ein. Ein teures Vergnügen für die klammen Wagners, aber auch eine gute Investition in die Zukunft? Zunächst sieht es nicht danach aus. Hitler erscheint in kurzen Hosen, vergeigt die auswendig gelernt Begrüßungsrede und scheitert an der Widerborstigkeit der servierten Artischocke. Doch er zeigt sich demütig genug für eine zweite Chance. So darf er den Wagners den Beweis liefern, dass er ein wahrhaftiger Jünger ist und willens, Bayreuth, den Gral Deutschlands, wieder zum Leuchten zu bringen.

1924. Der Putsch in München ist gescheitert, Hitler sitzt in Festungshaft. Dennoch ist die Familie Wagner erlöst – die „Hitler-Therapie“ hat gewirkt. Frohen Mutes stürzen sich die Wagnererben in die Vorbereitung neuer Festspiele. Denn sie wissen genau: Die Saat für ein glorreiches Bündnis ist gesetzt – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie aufgeht.

Premiere war am  14. April 2007 im Theaterdock in Berlin.

[Home] [Das Stück] [Termine] [Ensemble] [Fotos] [Links] [Impressum]